Thüringer Forscher will Recycling Seltener Erden hierzulande etablieren

Metalle der sogenannten Seltenen Erden stecken heute in den meisten elektronischen Geräten. Der Thüringer Forscher Ralf Müller will das Recycling solcher Stoffe hierzulande forcieren.

Weimar. Wer verzichtet schon gern auf Lebensqualität – Strom aus der Steckdose halten die meisten Menschen für ebenso selbstverständlich wie die Nutzung eines Mobiltelefons. Doch damit all das reibungslos funktioniert, sind Rohstoffe nötig, die in Deutschlandderzeit kaum vorhanden sind: Seltene Erden oder genauer die Metalle der Seltenen Erden. Das sind insgesamt 14 Elemente, die sich in zahlreichen Anwendungen finden – aber nur an wenigen Orten abgebaut und auch in Deutschland aktuell kaum aufbereitet werden.

„Dabei müssten wir längst lernen, unsere Ressourcen zu schonen“, findet Ralf Müller. Der zweifach promovierte Hochschuldozent warnt, Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung könne gefährdet sein, sollte Hauptproduzent China irgendwann die Lieferungen kürzen. Vorgekommen ist das in der Vergangenheit bereits.

Kürzlich hat die Welthandelsorganisation die Chinesen zwar dazu verdonnert, ihre Exportbeschränkungen aufzuheben und die eigene Industrie bei der Belieferung nicht länger zu bevorzugen. Doch Müller, der trotz seiner 77 Jahre gelegentlich noch Vorlesungen hält, reicht das nicht: „Das ist von strategischem Interesse für unsere Wirtschaft.“ Vordringlich sei etwa die Gewinnung von Strom aus Wind. Deutschland habe sich für die Energiewende entschieden, nutze aber Windräder, die nicht so effizient arbeiteten, wie es technisch möglich sei. „Würden die Offshore-Anlagen vor der Küste mit Generatoren betrieben, die einen Magneten verwenden, der zumindest in Teilen aus Neodym besteht, wäre viel mehr Leistung möglich.“ Neodym ist eines der 14 Elemente der Seltenen Erden und wird derzeit zu 97 Prozent in China abgebaut – wie in verschiedenen Medienberichten zu lesen ist, meist unter widrigsten Bedingungen.

Der Thüringer Forscher ist davon überzeugt, dass durch Recycling hier vor Ort deutlich mehr in dieser Richtung möglich ist. Bereits heute, so Müllers Kollege Professor Bernhard Adler, werden in einer Behindertenwerkstatt in Nordhausen elektronische Geräte nach festen Plänen zerlegt, die Rohstoffe an eine spezialisierte Firma verkauft, die die Aufbereitung fortsetzt. „Sofern die Komponenten makroskopisch greifbar sind, können sie auch per Hand aus den Geräten herausgebrochen werden.“ Mit „Geräten“ meint er Dinge wie Mobiltelefone oder Fernseher. Adler zerlegt zunächst selbst ein solches Gerät. „Auf der Basis entwerfe ich dann Demontagepläne, die in der Werkstatt verwendet werden können.“ Beispiele für Magneten aus Seltenen Erdmetallen seinen zum Beispiel Lautsprecher in Handys oder Lüfter in Computern. Auch aus Mikrofonen ließen sich entsprechende Stoffe gewinnen – natürlich immer nur in geringen Mengen. „Wenn man weiß, wo die Rohstoffe zu finden sind, kann das aber für jedes einzelne Gerät sehr schnell gehen.“

Rohstoffe tonnenweise weggeworfen

Stattdessen würden in Deutschland jedes Jahr 400 bis 500 Tonnen Neodym pro Jahr einfach weggeworfen, belasteten die Umwelt und müssten für neue Geräte neu gewonnen werden. Das passiert dann nicht in Deutschland, sondern zumeist in China. Damit sich das ändere, müsse Verbrauchern und auch dem Staat klar werden, welche Ressourcen vergeudet würden, wenn man die verbauten Rohstoffe einfach wegwerfe. „In Bitterfeldzum Beispiel gibt es in den für Elektronikschrott vorgesehenen orangefarbenen Tonnen jede Menge Fehleinwürfe. Da haben wir sogar Fahrradteile gefunden.“ In Halle (Saale) hingegen werde ordentlich gesammelt. Doch gerade in den Kommunen müsse sich noch einiges tun. Häufig werden die Stoffe auf Recyclinghöfen angenommen, in Jena gibt es an den Sammeltonnen für Glasflaschen mittlerweile eine spezialisierte Tonne. 125 Container stehen im ganzen Stadtgebiet, in denen 2014 insgesamt 250 Tonnen Kleinelektroschrott gesammelt wurden. Derzeit kümmert sich die Stiftung Elektro-Altgeräte Register um die Weiterverwertung, demnächst soll eine Firma das Geschäft übernehmen, sagte Stadtsprecherin Barbara Glasser der TLZ.

Wirtschaftlich sei das durchaus lohnend – die Energiewende sei ja politisch gewollt, so Adler. „Aber dann dürfen sich die Leute auch nicht gegen das sperren, was zu ihrer Umsetzung nötig ist.“ Dazu gehörten eben auch neue Leitungen und leistungsfähige Windräder. Die Rohstoffe dafür müssten ja auch irgendwoher kommen. „Stattdessen werden in der Energiepolitik meistens nur große Töne gespuckt.“ Der erste Schritt auf dem Weg zum Erfolg der Energiewende sei nun eine verstärkte Wiederverwertung von Elektronikschrott und den darin enthaltenen Seltenen Erdmetallen. „Die Rohstoffe, die in einer Million Handys enthalten sind, würden neu eingekauft mehr als eine Million Euro kosten. Unterm Strich bin ich sicher, dass sich bei vernünftiger Vorsortierung damit Gewinn erzielen lässt“, so Adler. Der Professor im Ruhestand hilft zum Beispiel in Nordhausen an der Fachhochschule, Recycling-Ingenieure auszubilden. Die sollen irgendwann dabei helfen, „dass nicht mehr so viel verschwendet wird“, sagt er. Die Wiederverwertung sei schließlich keine Leidenschaft von ihm, sondern gründe sich auf einen Mangel, der ganzheitliche Lösungen erfordere. „Mehr Recycling ist da nur der Anfang.“

Florian Girwert / 01.04.15 / TLZ

Quelle: http://www.tlz.de/web/zgt/wirtschaft/detail/-/specific/Thueringer-Forscher-will-Recycling-Seltener-Erden-hierzulande-etablieren-1611471013

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